Erziehung & Pädagogik

Aktive Entspannung gegen kindlichen Stress

Stress ist nicht nur ein Phänomen unter Erwachsenen. Bereits kleine Kinder haben häufig einen Terminkalender, der es mit dem eines Top-Managers aufnehmen könnte. Neben dem täglichen Besuch des Kindergartens und der Grundschule gehören Kinderturnen, Computerkurs, Flötenunterricht, Schwimmkurs oder das Erlernen einer Fremdsprache zum regelmäßigen Programm.

Während die größte Herausforderung früherer Generationen im draußen Rumtoben mit den Nachbarskindern bestand, haben sich heutige Lebensbedingungen erheblich verändert. Die Freizeitgestaltung hat vor allem Eventcharakter und ist längst angepasst an die komplexe Multitasking-Welt der Erwachsenen.

Ursachen von Stress

Kinder lieben Abwechslung und Anregungen aller Art. Sie werden gerne gefordert und herausgefordert und tun sich meist leicht im Erlernen neuer Dinge und Zusammenhänge. Spiel und Kreativität gehen bei Kindern Hand in Hand, und nicht selten wird durch wohlmeinende Förderung die natürliche Neugier von Kindern in gezielte Bahnen gelenkt.

Vor allem in größeren Städten mit einem umfangreichen Angebot an Kursen und Aktivitäten sind bereits kleine Kinder zeitlich stark eingebunden. Die Vielfalt an Angeboten ist in der Regel äußerst wohlmeinend und von den Eltern liebevoll im Kontext der kindlichen Interessen geplant. Häufig investieren sie selbst einen Großteil ihrer Freizeit, um die Kinder zu den verschiedenen Terminen zu fahren und begleiten.

Ein hohes Maß an Aktivitäten, bei dem Freiräume fehlen, in denen Ruhe und Entspannung möglich sind, kann auf lange Sicht zu einem hohen Stresslevel führen. Kinder, deren Tagesprogramm übervoll ist, sind irgendwann deutlich überfordert und reagieren mit der Zeit ganz ähnlich, wie auch ein gestresster Erwachsener.

Kinder brauchen Freiräume, in denen sie sich selbst ausprobieren können ohne dabei ein Ziel zu verfolgen. Je geplanter, zweckmäßiger und zielgerichteter eine Handlung ist, umso größer die Möglichkeiten der Überforderung. Aktivitäten und Termine, die vor allem ergebnis- und lernorientiert geplant werden, führen in ihrer Ausschließlichkeit irgendwann zu einer erheblichen Überforderung.

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Anzeichen von Stress

Ein Kind, dem ausreichende Möglichkeiten der Entspannung fehlen, äußert dies durch vielfältige Symptome, die jedoch sehr unterschiedlich ausfallen können. Eines der häufigsten Phänomene sind Schlafstörungen. Überforderte Kinder haben große Mühe, sich fallen zu lassen, den Tag loszulassen und sich richtig zu entspannen. Sie schlafen nicht gut ein oder keine ausreichende Anzahl von Stunden am Stück. Häufig wachen sie nachts immer wieder auf und haben Mühe, schnell einzuschlafen. Manche Kinder, die im Alltag zeitlich stark eingebunden sind, träumen nachts unruhig und öfter auch angstvoll.

Andere Kinder zeigen ihre Überforderung durch ein hohes Maß an motorischer Unruhe. Das früher gerne als „Zappelphilipp“ bezeichnete Kind zeigt letztlich nur eine normale Reaktion auf ein Zuviel an Aktivitäten im täglichen Ablauf. Die Kinder werden ruhelos und können sich nicht mehr gut fokussieren. Sie sind einen Großteil der Zeit reizüberflutet und mehr äußeren Impulsen ausgesetzt, als sie verarbeiten können.

Ein weiteres Phänomen, das für einen hohen Stresslevel sprechen kann, sind regelmäßige Schmerzen, für die es keine organische Ursache gibt. Kopf- und Bauchschmerzen gehören zunehmend zu den Symptomen, unter denen überforderte Kinder leiden. Sie zeigen sich vor allem bei Kindern, denen es schwerfällt, abzuschalten. Die Kinder verspannen und verkrampfen sich und agieren ihre psychische Belastung über den Körper.

Entspannung gegen Stress

Wer unruhig, gestresst und überfordert ist, braucht vor allem eines – Ruhe und Entspannung. Das klingt in Bezug auf ein Kind zunächst nach einer anspruchsvollen Herausforderung für den unterstützenden Erwachsenen. Es scheint nicht leicht, ein aktives und ruheloses Kind gezielt in sich selbst ruhig werden zu lassen.

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Wie bei so vielen Handlungen, die Erwachsene mit Kindern durchführen, ist das eigene Vorbild wesentlich. Ein unaufgeregtes und entspanntes Elternteil strahlt Ruhe und Sicherheit aus und bietet dem Kind einen sicheren Rahmen, in dem es selbst zur Ruhe kommen kann. Ein wichtiger Faktor bei der Entspannung ist die Reduzierung von Handlungen. Dies kann beispielsweise durch Vorlesen, gemeinsames Kuscheln, einer Massage oder dem Hören ruhiger Musik umgesetzt werden. Entscheidend ist ein geringes Aktionsniveau ohne jede Zielvorgabe, damit das Kind die Möglichkeit hat, sich selbst wahrzunehmen und „runter zu kommen“.

Entspannung wird nicht allein durch Bewegungslosigkeit oder größtmögliche Ruhe erreicht. Während die einen Kinder sehr gut auf leise Töne und ein möglichst reizreduziertes Umfeld ansprechen, hilft anderen Springen, Tanzen und Rennen bis der Kopf frei ist. Wichtig ist, dass das Kind die Möglichkeit hat, seine eigenen Bedürfnisse hierbei zu spüren. Es braucht dazu einen liebevollen Erwachsenen, der ihm den nötigen Freiraum und Rahmen zur Verfügung stellt.

10 konkrete Tipps für Entspannungsübungen mit Kindern

  • 1. Rückenkrabbeln
    Besonders sehr kleine Kinder schätzen diese Form des Kontaktes. Das Kind liegt entspannt auf dem Bauch oder auf der Seite. Ein Elternteil erzählt eine Geschichte und tastet dabei Sequenzen auf dem Rücken des Kindes nach. Beispielsweise wird der Regen zu einem leichten Klopfen mit den Fingerkuppen, oder ein kleines Tier krabbelt über die Wirbelsäule.
  • 2. Erzählen
    Eine selbst erfundene Geschichte wird dem Kind in einer gemütlichen und angenehmen Atmosphäre erzählt. Das Vorlesen einer Geschichte ist ebenso möglich.
  • 3. Fantasiereise
    Das Kind liegt gemütlich in seiner Lieblingsposition. Das Gegenüber unternimmt mit ihm eine Fantasiereise durch eine Landschaft, in die es sich durch die erzählten Anregungen hineinfantasiert.
  • 4. Kuscheln
  • Viele Kinder entspannen sehr gut beim Kuscheln beziehungsweise liebevollen Gehaltenwerden durch ein Elternteil oder eine nahe und vertraute Bezugsperson.
  • 5. Malen
    Das Kind hat einen schönen Ort mit genügend Platz und Materialien, um in Ruhe ein Bild zu malen. Bei manchen Kindern kann durch Anregungen Unterstützung angeboten werden. Auch gemeinsames Malen ist möglich.
  • 6. Atemübungen
    Kinder, die sehr angespannt sind, können durch vorgesprochene Atemübungen, die sie umsetzen, ruhiger werden. Hier empfiehlt sich seitens des Elternteils jedoch Erfahrung und etwas Wissen zu Atemtechniken.
  • 7. Musik
    Ruhige und melodische Musik wirkt bei vielen Kindern sehr entspannend. Genügend Zeit und eine gemütliche Position zum Zuhören sind hier hilfreich.
  • 8. Basteln
    Basteln ist ähnlich geeignet wie Malen. Hier entscheidet das Interesse des Kindes.
  • 9. Spielen
    Kinder entspannen bei einem ruhigen und aktionsarmen Spiel, beispielsweise einem Puzzle oder einem Steckspiel.
  • 10. Bewegung
    Vor allem Kinder, die einen eher bewegungsarmen Alltag haben, kommen durch Rennen, Springen oder Toben sehr gut zur Ruhe. Auch ein Spaziergang in der Natur mit einer Bezugsperson ist hilfreich und wohltuend.
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Welche Dinge helfen Ihren Kindern, sich zu entspannen? Wie sind ihre Erfahrungen? Haben Sie eigene bewährte Tipps, die für andere hilfreich sein können? Schreiben Sie Ihre persönliche Sicht gerne als Kommentar auf.

Bildquelle Titelbild: BrianAJackson – iStock

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